Online-Workshop erarbeitet Forderungen für Gesetzesinitiativen im Gesundheitssystem

Das deutsche Gesundheitssystem steht vor großen Herausforderungen. Es verschlingt zwar hohe Geldsummen, setzt die Mittel jedoch nicht effizient genug ein. Laut dem letzten Gutachten des Sachverständigenrates im Bundesgesundheitsministerium ist das deutsche Gesundheitssystem „brutal umständlich organisiert“. Die Gesundheitsversorgung in Deutschland sei nicht besser als in Ländern, die weniger Geld investierten. Man müsse das Gesundheitssystem klüger organisieren und nicht die Fachkräfte weiter in die Überlastung treiben.

Ein möglicher Grund für diesen Befund ist, dass das deutsche Gesundheitssystem stark von ökonomischen Interessen beeinflusst ist. Die Bedürfnisse der Mitarbeitenden scheinen nicht im Fokus von Krankenhausbetreibenden sowie Gesundheitspolitikern und Krankenversicherungen zu stehen. Die Folge ist, dass Mitarbeitende im Gesundheitssystem zunehmend unzufrieden und frustriert sind, weil sie keine spürbare Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen feststellen können.

Ebenso müssen sie beobachten, wie Krankenhausbetreibende weltweit neue Mitarbeitende rekrutieren. Der Eindruck entsteht, man hole lieber Fachkräfte von außen herein, als das System so attraktiv zu gestalten, dass die bestehenden Mitarbeitenden gut arbeiten können und bleiben möchten.

Verein setzt sich für die Transformation des Gesundheitssystems ein

Der Verein Purpose:Health e. V. ist ein Netzwerk von Expertinnen und Experten aus dem Gesundheitssystem. Er setzt sich für einen praxisorientierten und nachhaltigen Wandel des Gesundheitssystems ein. Mithilfe von Vorträgen, Workshops und Publikationen fördert Purpose Health e. V. einen Diskurs zur Transformation des Gesundheitssystems.

Der Online-Workshop von Purpose Health e. V. mit dem Titel „Gesundheitspolitische Lösungen für ein besseres Gesundheitssystem“ hatte das Ziel, die Herausforderungen zu identifizieren und Forderungen und Thesen für Gesetzesinitiativen auf Bundesebene aufzustellen. Fünf Fachkräfte (drei Ärzte und zwei Pflegefachkräfte) arbeiteten, moderiert von particeps informal, an der Frage:

Wie soll das Gesundheitssystem der Zukunft aussehen und wie können wir mit dem vorhandenen Geld und den vorhandenen Ressourcen das Gesundheitssystem in Deutschland verbessern?

Im Rahmen dieses Partizipations-Workshops beschäftigten sich die Teilnehmenden zunächst mit den Potenzialen und Herausforderungen des deutschen Gesundheitssystems. Im weiteren Verlauf formulierten sie Forderungen, was aus ihrer Sicht getan werden muss, um das Gesundheitssystem in Deutschland zukunftsfähig zu machen. So wünschen sie sich mehr Mut zur Veränderung. Strukturen müssten mehr hinterfragt und neue Konzepte erarbeitet werden. Weiterhin müsse die Kommunikation zwischen Ärzten und Pflegefachkräften verbessert werden. Auch sollte mehr Geld in Prävention investiert werden, um das Gesundheitssystem zu entlasten.

Die Teilnehmenden des Online-Workshops identifizierten Themen und Herausforderungen, die angegangen werden müssen, damit das Gesundheitssystem nachhaltig verbessert werden kann.

Forderungen für Gesetzesinitiativen im Gesundheitssystem

Die folgenden 14 Forderungen wurden erarbeitet:

1. Struktur und Organisation

  • Traditionelle Denkweisen und Absicherungsmedizin müssen überwunden werden. Es braucht mehr Mut zur Veränderung und Offenheit für andere Ansätze, um die bestehenden Probleme zu lösen. „Out of the box“-Denken sollte die Regel, nicht die Ausnahme sein.
  • Doppelte Facharztstrukturen sind ungünstig. Integrierte Versorgung in einem MVZ soll die Regel, nicht die Ausnahme sein.
  • Regionale Strukturen der Gesundheitsversorgung müssen verbessert werden.

2. Rolle und Aufgabe der Pflegefachberufe

  • Die internationale Vergleichbarkeit muss sichergestellt und die Attraktivität des Pflegeberufes erhöht werden.
  • Die Rolle der Pflege sollte sich mehr auf die Substitution ärztlicher Leistungen beziehen, statt nur auf Delegation. Grundpflege- und Hauswirtschaftstätigkeiten sollten von Pflegehilfskräften und Hauswirtschaftskräften übernommen werden.
  • Die Pflege muss konsequente Erkenntnisse aus der Pflegewissenschaft umsetzen. Aktivierend-therapeutische Pflege muss Standard auf allen Stationen werden.
  • Die Kommunikation zwischen Ärzten und Pflegefachkräften muss verbessert werden.

3. Prävention und Eigenverantwortung

  • Der Schwerpunkt im Gesundheitssystem muss auf der Salutogenese liegen. Prävention muss mehr gefördert werden.
  • Das Gesundheitssystem muss Eigenverantwortung und Selbstfürsorge der Patient*innen stärken.
  • Smarte Unterstützungssysteme sollen genutzt werden, um das Präventionsparadoxon zu überwinden.

4. Finanzierung

  • Finanzielle Mittel müssen effektiver eingesetzt werden als bisher.
  • Es muss eine Refinanzierung versicherungsfremder Leistungen erfolgen.
  • Die Leistungen müssen effizienter gesteuert werden.
  • Das Gesundheitssystem benötigt weniger Gewinn-Orientierung und mehr Purpose-Orientierung.

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